Die ganze Wahrheit

Dienstag, 1. April 2008

Man muss sich einen Frischhatebeutel mit Zip-Verschluss vorstellen, dann weiss man ungefaehr, wie sich Darien fuer mich anfuehlt.
Die 8-Stuendige fahrt mit dem holpfrigen Bus namens Bambuli war das langsame oeffnen und sich hineinfallen lassen. Die anschliessende Bootsfahrt war das "hinter mir zumachen" und als wir angekommen waren, war die restliche Welt nur mehr verschwommen und in weiter Ferne wahrnehmbar; ich haette mir nicht mehr vorstellen koennen, da draussen gelebt zu haben.


Wir, eine Familie mit 2 Kindern, wurden von einer Schwestern abgeholt und es gabt erstmal ein herrliches Mittagessen (natuerlich inklusive Platanos Maduros). Danach ein bisschen ruhen und am Abend noch einemal zusammenkommen, um die naechsten Tage zu besprechen und.... natuerlich was zu essen.
An genau diesem Abend hat dann das begonnen, was mich die ganze Kar-Woche begleitet hat. Die Ruhe. Ich bin dagesessen und war einfach nur zufrieden, satt und gluecklich - klingt esotherisch, ich finde aber, dass es das erst waere, wuerde ich das in irgendeiner weise deuten und mit ausserkoerperlichen Ereignissen verbinden.
Zu meiner Erheiterung war damit der Gedanke und die Sorge, ich waere eher Wuestenmensch als Dschungelmensch getilgt.

Der naechste Morgen war dann mein erster Palmsonntag mit echten Palmen. Bei dem Umzug in Richtung Kapelle konnte ich auch schon mal das Dorf "Real" sehen.
Zu den Siedlungsformen; In Darien gibt es 2 verschiedene Arten von Doerfern:
Emeberá oder Wounaan (2 sehr aehnliche indigene Staemme)-Doerfer, die von Pfahlbauten bestimmt sind; und "Afro-Doerfer" - bestehend aus einfstoeckigen einfachen Ziegelhaeusern, wobau auch immernoch einige indigene Familien (daher auch Pfahlbauten) dort anzutreffen sind.
"Afros" (so werden sie hier genannt) sind die Nachkommen der hierher von den Spaniern verschleppten Sklaven, die hauptsaechlich in den Goldmienen arbeiten mussten.
"El Real" gehoert zum zweiten Typ, daher gibt es im Gegensatz zum Nachbar-"Doerfchen" Mercadeo nur wenige auf Pfaehlen stehende Huetten.
Den restlichen Sonntag haben wir Real, die Bewohner und vor allem die endlos vielen Kinder ein bisschen kennen gelernt. Und wieder hat sich diese herrliche Ruhe eingestellt.

Die Familie mit der ich unterwegs war betreibt uebrigens die unglaublichste und in ihrer Genialitaet nicht zu unterschaetzende Namenspolitik. Der Vater heisst Alejandro die Mutter Irma, die aelteste Tochter (19), die 3 Tage spaeter dazukam, auch Irma und der Sohn auch Alejandro(8). Und wie heisst die juengste Tochter(5)?? - Richtig, Alejandra.
Ein viertes Kind wuerde wohl zu einem Problem werden.

Montag und Dienstag war ich dann jeweils dabei, als sie mit den Schulklassen ueber die Karwoche und Ostern geredet haben und den restlichen Tag hab ich dann mit einigen Kindern, wer eben gerade da war, Fussball, Basketball oder Volleball gespielt - welcher ball eben gerade zur Hand war.


Am Dienstag Vormittag hatte ich ein Evolutionstheorethisches Erlebnis. Ich spielte mit 9 anderen Jugendlichen aus Mercadeo (also Emberá) Fussbal und in den ersten 10 Minute ging auch alles gut, aber dann folgten Schweissausbruch, Erschoepfung und Durst. Ausserdem hat das gemisch aus Sunblocker und Schweiss auf meiner Haut zu brennen(natuerlich nicht im Sinne von Feuer) begonnen. Nach einem Blick in die Runde konnte ich feststellen, dass alle 9 anderen noch genauso fit, oder sogar noch "fitter", da aufgewaermt, waren, wie zu Beginn des Spiels.
Mein Schluss daraus - Klimawandel und Ozonloecher machen uns "Blancitos Blancitos" zu einer vom Aussterben bedrohten Rasse.


Am Mittwoch fing dann der zweite Teil der Darienzeit an. 3 Schwestern, 2 Lehrerinnen aus Panamá und die aelteste Tochter Irma sind zu uns gestossen und man hat sich in 4 Gruppen geteilt - Jede Gruppe ein anderes Dorf.

Unser, damit sind eine Schwester, eine Lehrerin und Ich gemeint, Dorf; Boca de Cupe, das wir nach einer 5-Stuendigen Bootsfahrt, den Rio Tuira mit einem der genialen Motor-Einbaeume hinauf, erreicht haben.
Boca de Cupe ist auch ein Dorf des zweiten Typus - also hauptsaechlich von "Afros" bewohnt.
Geschlafen haben wir in 2 Hinterzimmern der Kapelle und gegessen jeweils jeder bei einer anderen Familie.

So langsam bin ich draufgekommen, dass meine Funktion, die eines Missionars ist. Das war ein Schreck, denn mein Bild eines Missionars ist nicht gerade positiv. Fuer mich hat es immer den Beigeschmack von Missbilligung und Geringschaetzung anderer Kulturen/Religionen bis hin zu deren Aufloesung. Das ist auch in Darien der Fall gewesen, aber eben schon vor langer Zeit, daher ist die Mission der Schwestern hier in der Mission, den Leuten zu helfen (auch in alltaeglichen Dingen),die Geinschaften zu foerdern und ihnen wenigstens etwas Halt zu geben. Es schaut naemlich so aus:
Boca de Cupe und auch die meisten anderen Darien-Doerfer sind das Paradebeispiel, wie sich unser kultivierungswahn mit herrlichen Idealen und segenbringendem Wohlstand auswirkt:
Es ist eine Katastrophe. Ab 3 Uhr Nachmittag, auch unter der Woche, sind hier 90% der Maenner blau. Die Frauen haben von 10 verschiedenen Vaetern 10 verschiedene Kinder, die oft nicht lesen und schreiben koennen, obwohl es eine Schule gibt, und die auch schon mit 10, 11 Jahren zum trinken anfangen, was ueberhaupt niemanden juckt. Da es auch noch dazu Guerilla-Gebiet ist, gibt die staendige Militaer-Polizei praesenz und die Ausgangssperre ab 8 Uhr abends einem ein Gefuehl von Krieg.
Alles in allem koennte man an Weltuntergang denken.
Doch das ist es zum Glueck nicht, denn man wuerde alles paradiesische an diesem Ort uebersehen, und davon gibt es genug und um ein paar Beispiele zu nennen:

Ich war jeden Tag mit einer Horde von Kindern stundenlang im noch ziemlich sauberen Fluss baden, hab jeden Tag 2 bis 3 neue Fruechte kennengelernt, sie teilweise direkt vom Baum gegessen, wurde von den Menschen doch sehr nett aufgenommen (natuerlich ist man zuerst nur ein "Gringo" aber das verschwindet recht bald) und auch hier war die Ruhe des Dschungels deutlich zu spueren. Zum ersten mal habe ich den Ausspruch "Die Uhren laufen hier langsamer" verstanden.

Was sonst noch alles geschah:
Am Freitag Vormittag fand ein sehr wirklichkeitsgetreuer Kreuzzug statt und am Karsamstag eine Osterfeier, denn am Sonntag um 6 Uhr in der Frueh wollten wir schon wieder abfahren.
"Wollten" da wir zuerst unseren betrunkenen Bootsfahrer "Diablo" suchen mussten - woher er den Namen wohl hat - was uns einiges an Zeit gekostet hat.
Den Ganzen Ostersonntag (16stunden) haben wir dann also reisend verbracht. Zuerst mit dem Piragua, dann zuerst hinten am Pickup und den Rest eingequetscht am Vordersitz bis nach Arraijan zurueck.
Was ich auf dieser Fahrt sehen konnte war nochmal ziemlich beeindruckend. Mir wurde klar das alle Berichte und Nachrichten von Abholzung und Zerstoerung des Regenwaldes, nicht irgendwo in weiter ferne passieren. Ich war mitten drin. Ueberall kahle abgebrannte Flecken, oder grosse Rinder gehaege, wo frueher mal dichter gruener Urwald war. Und darauf ist man dannoch St auch olz. Entwicklung!!!

Mit der Reise stieg ich auch so langsam wieder aus dem Beutel heraus, der sich hinter mir schloss und was mir bleibt ist eine Erinnerung eines Paradieses (Statt Apfel aber eher Most), eingeschlossen in einen Frischhaltebeutel und nur verschwommen durch das Plastik sichtbar.

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